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Die Tyrannen-Lüge



Die Bindungswissenschaft und vielfältige Studien aus verschiedenen Bereichen der modernen Forschung (Neurowissenschaft, Sozialpsychologie, Gesundheitspsychologie, klinischen Psychologie) sind alle derselben Meinung: Der Mensch ist in erster Linie eine soziale, in Beziehung lebende, auf Bindung angewiesene Spezies. Das grundlegende Bedürfnis, sich anderen verbunden zu fühlen, prägt einen Menschen ein Leben lang. Es hat Auswirkungen auf sein Gefühlsleben, wie er mit Stress umgehen kann, auf seine neuronale Architektur, aber auch seine innere Kraft (Resilienz).


Immer noch kursieren alte Erziehungsmethoden aus uralten und vor allem schlimmen Ratgebern durch unsere Gesellschaft. Man müssen einen Säugling z.B. schreien lassen, um ihn nicht zu verwöhnen. Dieser schlimme Gedanke und die damit einhergehende Handlung geht auf das Buch von Johanna Haarer „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ zurück. Zu Nazi-Zeiten wurde jeder deutschen Mutter dieses Buch überreicht. Ziel des Buches war es, Säuglinge so früh wie möglich abzuhärten und zur Gehorsamkeit zu erziehen, von Bindung war keine Rede.


Bis 1987 wurden rund 1,2 Millionen Exemplare des Erziehungsratgebers in Deutschland verkauft. Der Haarersche Ansatz: Kinder wären Tyrannen, die man bändigen müsse – und zwar schon im Säuglingsalter. Laut Johanna Haarer sollten Kinder auf keinen Fall auf den Arm genommen werden, Erwachsene sollten ihnen möglichst wenig Aufmerksamkeit geben und nur minimale Nähe aufkommen lassen.


Erlebt man so eine Form von Erziehung, hinterlässt das Spuren, denn sie verlangt von Kindern, dass sie ihre Gefühle und Bedürfnisse ständig verdrängen. Und es dürfte ziemlich klar sein, dass solche Erfahrungen einem Menschen im Erwachsenenleben ziemlich auf die Füße fallen.


Wer seine eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen nicht kennt, wird diese immer wieder übergehen. Das kann eine ganze Weile funktionieren, endet aber häufig in z.B. Angststörungen, Depressionen oder Burnout.


Das heißt, wir wissen also heute, dass Menschen durch diese Form von Erziehung in ihrer emotionalen Entwicklung gehemmt und dadurch krank werden. Damit Kinder emotional gesund aufwachsen können, benötigen sie eine andere Begleitung.


Kinder wollen sich aufgrund ihrer Bindungsfähigkeit grundsätzlich mit ihren Bindungspersonen verbinden. Sie wollen kooperieren und das nicht nur im Säuglingsalter. Wissenschaftliche Erkenntnisse wie oben genannt zeigen auf, dass der Mensch bereits als soziales, beziehungsfähiges Wesen geboren wird. Diese Erkenntnis widerlegt, dass ein Kind, von Natur aus widerständig, also ein Tyrann ist.