„Ich lass dich los und geb dir Halt“: Ein Gespräch mit Melanie Klefeldt über ADHS in der Pubertät
- Marga Bielesch
- vor 2 Tagen
- 5 Min. Lesezeit

Ich hatte die tolle Gelegenheit, mit Melanie Klefeldt ein Interview zu ihrem neuen Buch „Ich lass dich los und geb dir Halt“ zu führen. In ihrem Buch ermutigt sie Eltern, ihre Teenager mit ADHS liebevoll und klar durch die herausfordernde Phase der Pubertät zu begleiten.
Die Pubertät ist für alle Jugendlichen eine Zeit des Wandels, aber für diejenigen mit ADHS kann sie besonders komplex sein. In diesem Interview erfährst du, wie sich die neurologischen und emotionalen Aspekte der Pubertät bei neurodivergenten Teenagern von denen neurotypischer Jugendlicher unterscheiden. Wir beleuchten die Herausforderungen, die Eltern meistern müssen, und die Strategien, die helfen können, eine harmonische Beziehung zu stärken.
Liebe Melanie, was unterscheidet die Pubertät bei Jugendlichen mit ADHS neurologisch und emotional von der Pubertät neurotypischer Jugendlicher?
Die Pubertät geht bei allen Jugendlichen mit einer intensiven Umstrukturierung im Gehirn einher; bei ADHS läuft diese Entwicklung jedoch oft deutlich asynchroner und weniger stabil. Man weiß, dass sich neurologisch bei ADHS eine verzögerte Reifung im PFC (präfrontaler Cortex) zeigt, also genau dem Bereich, der unter anderem für unsere Impulskontrolle, die Fähigkeit zur Planung und Gefühlsregulation zuständig ist. Unser Belohnungszentrum ist gleichzeitig stärker auf schnelle Reize ausgerichtet. Das führt dazu, dass die Befriedigung kurzfristiger Bedürfnisse oft viel mehr Gewicht bekommt als das Beachten langfristiger Ziele. Gleichzeitig bringen viele Jugendliche mit ADHS eine hohe Sensibilität, Kreativität und Begeisterungsfähigkeit mit – Eigenschaften, die gerade in dieser Lebensphase auch enorme Ressourcen sein können. Gefühle werden intensiver erlebt, schneller ausgelöst und schwerer reguliert. Zudem schwanken viele Jugendliche mit ADHS stärker als andere zwischen dem Wunsch nach Unabhängigkeit und einem gleichzeitig höheren Bedarf an Halt, Struktur und emotionaler Co-Regulation durch ihre Bezugspersonen. Das bringt sie dementsprechend häufig in eine innere Zerrissenheit, und die Eltern gleich mit.
Du sprichst von einem Balanceakt zwischen Halt geben und Freiraum lassen – wie können Eltern diesen Spagat im Alltag konkret meistern, ohne in dauerhafte Konflikte zu geraten?
Ich denke, dieser Balanceakt zwischen genug Halt geben und Freiraum lassen ist kein Zustand, bei dem man irgendwann ein für alle Mal den "Sweet Spot" erreicht, sondern es geht darum, sich im Alltag immer wieder neu auszutarieren. Was ich immer hilfreich finde, ist, genau zu schauen, was verhandelbar und was nicht verhandelbar ist ("choose your battles"). Es kann zum Beispiel ein paar konkretere Anker geben, wie feste Schlafenszeiten unter der Woche oder grundlegende Medienregeln, während wir Eltern in den Themen Klamotten und Freizeitgestaltung öfter mal beide Augen fest zudrücken sollten. Das Wichtigste ist aber die Beziehungsebene. Je kontrollierter sich unsere Jugendlichen fühlen, desto häufiger wird es eskalieren. Wir sind daher als Eltern keine "Überwacher", sondern eben ein regulierender Anker. Gleichzeitig gehören Konflikte durchaus dazu. Aufpassen sollten wir darauf, dass wir die Struggles unserer Jugendlichen nicht zu Persönlichkeitszuschreibungen werden lassen ("Du bist respektlos!", "Was hängst du hier so faul rum?"), sondern dass wir uns öfter mal daran erinnern, wie es bei uns selbst in der Pubertät war. Bei ADHS haben wir in der Regel nämlich kein Wissensdefizit, sondern Probleme in der Umsetzung. Dafür braucht es in erster Linie Verständnis und den Fokus auf die wirklich wichtigen Themen aktuell – nicht die zehnte Diskussion über dasselbe Thema.
Du bist selbst spät diagnostiziert worden und Mutter eines neurodivergenten Teenagers. Wie hat deine eigene Geschichte deinen Blick auf ADHS in der Pubertät geprägt?
Da geht es mir so wie vielen meiner erwachsenen Klient*innen: Die späte Diagnose hat meinen Blick auf ADHS nachhaltig verändert, vor allem rückblickend. Vieles an mir, das ich vorher schlicht als Versagen eingeordnet habe, ergibt nun Sinn, und das macht mich so viel nachsichtiger mit der jüngeren und aktuellen Version von mir. Als Mutter hilft es mir sehr, Anzeichen von Überforderung bei meinem Kind schneller wahrzunehmen und sein Verhalten weniger als Absicht zu interpretieren. Dadurch fühle ich mich nicht mehr durch jeden genervten Kommentar gleich provoziert, und wir lachen beide recht oft gemeinsam über "unsere Köpfchen". Wenn ich zurückdenke, gab es früher extrem viele Konflikte, weil wir uns beide gegenseitig innerhalb von Sekunden von 0 auf 180 geschossen haben. Heute kann ich besser reflektieren, wann ich auf mein Kind und wann auf meine eigene Geschichte oder akute Überlastung reagiere und wieso das so ist. Es stärkt die Bindung zu meinem pubertierenden Kind sehr, dass ich genau weiß, wie sich so eine Pubertät mit ADHS von innen anfühlen kann.
Warum ist das ADHS-Gehirn besonders anfällig für digitale Überstimulation und Suchtdynamiken – und welche alltagstauglichen Strategien empfiehlst du Eltern im Umgang mit Bildschirmmedien?
Das Thema Medien kommt nahezu täglich in den Elterntrainings auf den Tisch. Denn digitale Medien sprechen durch schnelle Belohnungen, eine hohe Reizdichte und permanente Verfügbarkeit genau die Systeme in unseren Gehirnen an, die bei ADHS meist besonders sensibel reagieren. Das macht es unseren Kindern (und uns selbst ja auch oft!) so schwer, die Nutzung selbst zu begrenzen, besonders wenn sie sich langweilen oder gestresst fühlen. Um es kurz zu machen: In den meisten Fällen überfordern wir unsere Kinder mit unseren Erwartungen völlig. Eine häufige Frage ist z.B.: "Melanie, unser Sohn geht nachts immer heimlich an die Switch! Was ist eine gute Konsequenz?" Da überrascht es viele, wenn ich dann sage: "Die einzig gute Konsequenz ist, dass ihr die Switch am Abend mit ins Schlafzimmer nehmt, sodass euer Sohn mit diesem starken Reiz gar nicht erst konfrontiert wird." ADHS beeinträchtigt die Selbststeuerung. Und ganz ehrlich – wenn Mama und Papa schlafen und ich weiß genau, wo die Switch ist, denkt das Gehirn bei ADHS nicht an die drohende Müdigkeit morgen früh. Es greift zur Konsole. Ich sage auch gern: Wir können unsere Kinder nicht in eine bessere Selbststeuerung hineinbestrafen. Meine Empfehlung ist daher, klare Mediennutzungszeiträume zu vereinbaren, die ablaufende Zeit mittels Timer sichtbar zu machen und beim Herauslösen zu helfen ("Schau, der Timer klingelt in 2 Minuten. Ah prima, dann fahr noch schnell das Rennen zu Ende. Ich bleib eben bei dir, dann kannst du mir die Switch direkt geben."). Leider wird auf Social Media gern kommuniziert, Bildschirmmedien helfen bei der Regulation. Das ist nicht wahr. Sie beruhigen, aber sie regulieren nicht, und der Unterschied ist sehr wichtig, gerade aufgrund des erhöhten Suchtrisikos bei ADHS. Wir sollten also immer auch schauen, wo im Alltag echte Regulation stattfinden kann (wie z.B. durch Bewegung an der frischen Luft, Sozialkontakte oder Ausleben der Kreativität).
Wann ist aus deiner Sicht eine fachliche Abklärung oder Medikation sinnvoll – und wie können Familien fundierte Entscheidungen treffen, ohne sich von Unsicherheit oder gesellschaftlichem Druck leiten zu lassen?
Ich empfehle eine fachliche Abklärung durch qualifizierte Fachpersonen immer dann, wenn Schwierigkeiten über längere Zeit hinweg mehrere Lebensbereiche betreffen oder bereits spürbarer Leidensdruck besteht. Dann kann eine Medikation nach ärztlicher Aufklärung eine sehr wirksame Hilfe sein, vor allem in Bezug auf die Selbstregulation. Sie ist ein möglicher Baustein in einem Gesamtkonzept und zaubert nicht – sie schafft aber oft eine faire Grundlage für bessere Selbststeuerung und nachhaltiges Lernen. Wir brauchen in Bezug auf die Medikation bei ADHS viel mehr Differenzierung. Sie ist weder "der einfache Weg" noch sollte sie aus grundsätzlicher Skepsis, Angst oder Vorurteilen vermieden werden. Denn auch der Medikationsverzicht hat mögliche Nebenwirkungen, und das ist vielen gar nicht bewusst. Gerade in den sozialen Medien kursieren bezüglich der Medikation viele Fehlinformationen. Das Wichtigste ist daher eine wirklich sachliche Betrachtung des Themas und auch das Reflektieren eigener Ängste oder Vorurteile. In meinem Buch gehe ich darauf sehr ausführlich ein.
Vielen Dank, für das wunderbare Interview, liebe Melanie.
Über den Autorin
Melanie Klefeldt ist zertifizierte ADHS-Trainerin und Fachkraft für Autismus-Spektrum-Störungen und Inklusion. Sie gibt Trainings für Eltern und neurodivergente Erwachsene sowie Fortbildungen für Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte. Sie ist Mutter zweier Kinder, darunter ein neurodivergenter Teenager.






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